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[KURZGESCHICHTE] Die Angst vor Gurken

Ann-Kathrin Karschnick hat auf ihrem Discord-Server regelmäßig eine Kurzgeschichtenchallenge. Dieses Mal war ich dabei. Und nachdem die Geschichte gestern auf ihrem Twitch-Kanal vorgelesen wurde, kann ich sie nun auch hier posten. Das Thema war “Gurkengnome”. Mein Dank geht an Cojini-Lou aus der Liga der Meisterdiebe, die diese Geschichte inspiriert hat!

Die Angst vor Gurken

Estera seufzte. Endlich war der letzte Schultag da. Sie musste nur dieses blöde Fest überstehen, dann lagen 6 Wochen Sommerferien vor ihr. Und danach ging es in die weiterführende Schule, mit etwas Glück wurde dadurch alles besser. Wobei, so ganz daran glauben konnte sie nicht, dass die Hänseleien dann aufhörten. Auch wenn sie nicht verstand, warum die anderen Kinder sie nicht mochten. Ja, ihre Eltern kamen aus einem fernen Land. Aber war das etwas Schlechtes? Eigentlich war doch genau das spannend. Sie war in Deutschland geboren und aufgewachsen, und die fremden Bräuche und Geschichten, die konnten doch bereichernd sein? Nun, ihre Klassenkameraden sahen das leider nicht so. Aber jetzt noch das Fest und dann hatte sie 6 Wochen, die sie allein durch die Natur streifen konnte.

Das Fest zog sich ziemlich für Estera, schließlich hatte sie niemanden, mit dem sie reden konnte. Stattdessen hatte sie das Gefühl, dass hinter ihrem Rücken über sie gekichert wurde. Missmutig schlenderte sie über den Schulhof. Ob es auffallen würde, wenn sie einfach verschwand? Vielleicht sollte sie sich im Wald verstecken, bis es Zeit war, heimzugehen? Vermissen würde sie ja doch niemand. Schnell noch etwas zu Essen vom Buffet holen und dann nichts wie los.

Als sie gerade vor dem Korb mit Brezen stand und sich eine nehmen wollte, sprang auf einmal ihr Mitschüler Max auf sie zu. In seinen Händen hatte er zwei Gabeln mit sauren Gurken. Estera schrie auf, was dazu führte, dass nicht nur Max in unbändiges Gelächter ausbrach. „Gurkengnom, Gurkengnom, kommt dich hol`n, fesselt dich vor seinen Thron“ riefen ihre Klassenkameraden im Chor.
Estera brach in Tränen aus und rannte davon. Warum waren die anderen nur so gemein? Sie wussten doch, dass sie Angst vor sauren Gurken hatte. Und ja, mit ihren 10 Jahren war ihr natürlich klar, dass es dafür keinen Grund gab. Aber die Angst war tief in ihr verwurzelt. Die deutschen Kinder, die konnten das nicht verstehen. Aber sie war aufgewachsen mit den Sagen von Gurkengnomen. Die kleinen grünen Wesen, die ähnlich wie saure Gurken aussahen, nur ein ganzes Stück größer und mit Armen und Beinen, diese kleinen Wesen waren in der Heimat ihrer Eltern berühmt-berüchtigt.

Torben saß im Gebüsch und beobachtete den Waldweg, als er ein Mädchen zum Bach stürmen sah. Interessiert rückte er noch ein Stück näher an das Loch zwischen den Ästen heran. Er liebte es, Menschen zu beobachten. „Menschen sind gefährlich und außerdem dumm“ sagten die anderen Gurkengnome immer. „Irgendwann wird dich einer fangen, und dann wirst du bestimmt in einen Käfig gesperrt“, machte seine Familie sich Sorgen. „Wir sind dir wohl nicht gut genug?“, taten die Gleichaltrigen beleidigt. Keiner konnte verstehen, dass ihn Menschen faszinierten. Doch Torben glaubte einfach nicht, dass Menschen böse waren. Dieses Mädchen da z.B., das sah total traurig aus. Weinte sie sogar? Er stellte sich jetzt vor den Busch, um sie besser zu sehen. Plötzlich stolperte er und fiel mit viel krach in den Strauch hinter ihm.

Estera starrte in Gedanken versunken auf den Bach. Warum war sie nur so anders? Warum war sie nicht mutig und selbstbewusst? Warum war sie nicht cool und hatte viele Freunde? Wobei, viele Freunde wollte sie gar nicht. Aber so ein oder zwei Gleichgesinnte, mit denen sie zusammen die Natur erkunden konnte? Denen sie Geschichten erzählen konnte oder mit denen man einfach mal zusammen schweigen konnte? Das wäre schön! Ob die weiterführende Schule ihr neue Freundschaften bringen würde? Oder würde sie wieder die schüchterne Fremde sein, die alle nur komisch fanden?
Estera war so versunken in ihre Gedanken, dass sie gar nicht merkte, dass es anfing zu dämmern. Erst als sie ein lautes Knacken hörte, schrak sie auf. Und war da ein Fluchen gewesen? In ihren Augenwinkeln meinte sie im Gebüsch etwas Grünes zu sehen. War das etwa ein Gurkengnom? Erschrocken sprang sie auf und rannte weg. Dann musste sie über sich selbst lachen. Denn dass es Gurkengnome gar nicht gab, das wusste sogar sie.

Am nächsten Tag, dem ersten Ferientag, ging Estera schon früh in den Wald. Es war ein sonniger Tag, ihre Eltern würden den ganzen Tag bei der Arbeit sein und niemand erwartete irgendetwas von ihr.
Pfeifend lief sie über den Waldweg, einen Korb mit Proviant in der Hand. Dass ihr im Gebüsch eine kleine Gestalt folgte, merkte sie nicht.

Auch Torben war schon früh unterwegs, in der Hoffnung, dass er Menschen zum Beobachten fand. Und tatsächlich, da war wieder dieses Mädchen von gestern. Wie gerne hätte er sie da noch länger beobachtet. Aber plötzlich war sie wie von der Tarantel gestochen weggerannt. Er hatte erst Angst gehabt, dass sie ihn nach seinem Sturz entdeckt, aber dann war sie total schnell weg gewesen.
Ob er sie heute länger beobachten konnte? Sie sah so aus, als würde sie eine Weile im Wald bleiben.

Während Estera pfeifen zu einer Lichtung ging, auf der sie ein Picknick machen wollte, schlich Torben sich seitlich neben ihr durch das Unterholz. Dabei hatte er nur Augen für das Mädchen. Wohin er ging, darauf achtete er nicht. Und so passierte das, was die anderen Gurkengnome schon immer prophezeit hatten: Er geriet in eine Falle. Den einen Moment ging er normal spazieren, den nächsten Moment zappelte er plötzlich in einem Netz. Wo kam das denn her? Erschrocken schrie er auf. Sein Schrei wurde allerdings von Esteras Pfeifen übertönt, so dass diese von dem Geschehen neben ihr nichts mitbekam. Sie beschloss gerade, genau hier ihr Picknick zu machen und ließ sich nieder.
Torben dagegen hing nur etwa 1 m entfernt im Unterholz in einem Netz. Er zappelt vor sich hin, wobei das Netz sich immer enger um ihn wickelte. Was sollte er nur tun? Hatte seine Familie doch recht? Waren Menschen böse? Und würde er jetzt wirklich durch seine Neugier auf Menschen sterben? Das durfte nicht sein!

Ob er das Mädchen um Hilfe bitten sollte? Oder darauf hoffen, dass ein anderer Gurkengnom vorbeikommen und ihn befreien würde? Ja, das würde er machen. Torben hörte auf zu zappeln und immerhin zog das Netz sich dadurch nicht mehr enger um ihn. Tatsächlich waren seine Arme aber bereits jetzt schon dicht an seinen Körper gefesselt, nur mit den Beinen konnte er überhaupt noch wackeln.
Während er das Mädchen bei seinem Picknick beobachte, bemerkte er, wie er Hunger bekam. Er begann, an seinem Plan zu zweifeln. Hier, so dicht an der Lichtung, da kam eigentlich nie ein Gurkengnom außer ihm vorbei. Vielleicht wenn sie ihn vermissen und suchen würden? Aber das könnte dauern. Ob er doch das Mädchen rufen sollte?
Gerade holte er tief Luft, um zu rufen, da hörte er plötzlich einen lauten Knall. War das ein Schuss? War ein Jäger im Wald unterwegs? Er wurde bleich. Was, wenn der Jäger derjenige war, der die Falle aufgestellt hatte? Er musste hier weg!
Er nahm all seinen Mut zusammen und rief zaghaft. Zu zaghaft. Das Mädchen schien ihn nicht zu hören.

Estera hatte den Schuss natürlich auch gehört. Erschrocken sah sie sich um. War ein Jäger im Wald unterwegs? Warnten die nicht eigentlich vorher, damit niemand im Wald war, während sie schossen? So war es doch viel zu gefährlich für sie! Schnell packte sie ihr Picknick zusammen. Nichts wie weg hier.
Gerade wollte sie gehen, als sie ein zaghaftes Rufen vernahm. Was war das gewesen? Irritiert sah sie sich um, entdeckte aber erst einmal nichts.
„Hier“, piepst es leise von ihrer linken Seite. „Hilfe!“
Estera sah in die Richtung, aus der die Stimme zu kommen schien. Lag da irgendetwas – oder tatsächlich irgendwer? – im Gebüsch? Vorsichtig ging sie näher. Dann schrie sie auf, ließ ihren Korb fallen und sprang hinter den nächsten Baum.
Hatte sie sich gestern doch nicht geirrt? Waren hier wirklich Gurkengnome im Wald? Was sollte sie denn jetzt tun? Ihre Zähne klapperten vor Angst und es dauerte, bis sie realisierte, dass zumindest dieser Gurkengnom ihr gerade nichts tun konnte. Er saß eindeutig in der Falle.
Vorsichtig näherte sie sich ihm.

„Hallo“, sagte sie misstrauisch.
„Hallo“, wimmerte Torben. „Kannst du mir helfen?“
„Warum sollte ich?“, fragte Estera. „Du bist ein Gurkengnom, oder?“
„Ja. Aber warum solltest du mir nicht helfen? Ich bin in Not, ich möchte nicht von einem bösen Menschen gefangen werden. Ich möchte doch nur friedlich leben!“
„Aber Gurkengnome sind gemein! Sie spielen Menschen böse Streiche! Sie machen uns das Leben schwer!“
Irritiert sah der Gnom das Mädchen an. „Nichts von alledem habe ich jemals getan! Das musst du mir glauben! Ich mag Menschen, auch wenn ich mich immer verstecken muss. Ihr seid doch die Gefährlichen, die Bösen, vor denen man Angst haben muss!“
„Wir?“ Estera konnte nicht glauben, was sie da hörte. „Ich tue niemandem etwas. Und die anderen auch nicht, die wissen hier doch nicht einmal, was Gurkengnome sind!“
„Aber du, du weißt es?“
„Ja, Gurkengnome sind kleine freche gemeine Kobolde! Wesen, vor denen man sich in Acht nehmen sollte! In der Heimat meiner Eltern weiß das jedes Kind!“
Mit diesen Worten stand Estera auf und wollte gehen.
„Du, du lässt mich hier jetzt nicht zurück?“ Die Stimme von Torben zitterte.
Estera blickte noch einmal zurück auf das kleine Häufchen Elend in dem Netz. Dann vernahmen die beiden einen neuen Schuss, diesmal näher.
„Bitte, gleich ist der Jäger da!“
Estera seufzte. Dann nahm sie all ihren Mut zusammen und näherte sich dem grünen Wesen. Eigentlich sah es gar nicht so gefährlich aus.
Vorsichtig zog sie an dem Netz, das sich um den Gurkengnom gewickelt hatte. Es war gar nicht so einfach, aber schließlich hatte sie den kleinen Gnom befreit. Erleichtert seufzte dieser auf. „Danke! Ich bin übrigens Torben.“
„Estera. Und gerne.“ Etwas unschlüssig standen die beiden herum. Als ganz in der Nähe ein Ast knackte, rannten sie los. Erst am Waldrand blieben sie stehen.
„Kommst… Kommst du noch mit?“, fragte Estera den Gnom. Da ließ sich Torben nicht lange bitten, und dies war der Anfang einer langen Freundschaft. Natürlich durfte weder Torbens Familie noch Esteras Umfeld etwas davon wissen. Was aber beide Familien beobachten konnten, das war, wie glücklich die beiden waren. Gerade Estera blühte richtig auf, wurde viel mutiger und saure Gurken waren plötzlich ihre Lieblingsspeise!

 

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